Psychosoziale Folgen

Karusell
 

Vorab gilt es festzuhalten, dass sich viele Menschen bewusst Schwindelgefühlen aussetzen oder sie provozieren. Es beginnt als Kind beim Karussellfahren, später ist es die Achterbahn und nun auch immer mehr extreme Dinge wie Bungeespringen, Fallschirmsprünge oder ähnliches.

Hier setzt sich der Mensch vorsätzlich einem Schwindel und dadurch sogar empfundenen "Kick" oder Nervenkitzel aus. Er selbst kann es steuern, OB und WIE er sich diesem Gefühl hingibt.

Tritt allerdings so ein Schwindel ohne den eigenen Willen, ohne Zeit- oder Ortsangabe auf, so wirkt er auf den Menschen beängstigend bis zu vernichtend. Der Betroffene hat in diesem Moment keine Kontrolle mehr über seine körpereigenen Funktionen, verliert den Halt und die Orientierung. Dieses Gefühl des absoluten " Ausgeliefertseins" ruft extreme Ängste hervor, da einem der eigene Körper plötzlich völlig fremd und haltlos erscheint.

Ein Mensch, der immer die Gewaltenkontrolle über sich und sein Verhalten hat, muss plötzlich auf allen Vieren auf dem Boden krabbeln, kann nicht aufstehen, geschweige laufen.

Einige Psychologen bezeichnen das Krankheitsempfinden sogar als traumatisierend. Was bedeutet, dass jeder, auch psychisch völlig stabile Mensch, solch eine Erfahrung nicht einfach wegstecken kann.

In der Anfangsphase erlebt der Betroffene - körperlich als auch seelisch - eine derart extreme Situation, die ihm alles an psychischen und physischen Kräften abverlangt. Gerade in dieser Phase ist er zum Teil mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen überfordert, stößt nun immer öfter an Grenzen, die er vorher nicht kannte, muss erkennen, dass es nicht mehr möglich ist, das bisher geführte, vielleicht sogar sehr aktive und stressige Leben fortzuführen. 

Gerade bis dahin immer sehr gesunde, mobile und aktive Menschen machen hier eine schwere Phase durch. Der Betroffene ist in dieser Zeit noch nicht eins mit seinem nun NEUEN Körpergefühl, steht ständig im Kampf mit sich selber und setzt sich zum Teil risikoreichen oder sogar für ihn persönlich gefährlichen Situationen aus. An den alten Grundsatz " Zähne zusammen und durch " wird sich geklammert.

In meiner Reha-Kur berichtete mir ein Mann, der auch unter starkem Schwindel litt, dass er viele Jahre aktiver Läufer und immer sehr sportbegeistert war. Er wollte es nicht wahrhaben, dass er einfach nicht mehr seinem geliebten Sport nacheifern konnte, wie er es immer gewohnt war. So zog er sich auch mit starkem Schwindel seine Laufschuhe an, fuhr zum Sportplatz und drehte seine Runden, bis er sich übergeben musste. Einmal stürzte er und brach sich seinen Arm. Solche und ähnliche Erfahrungen machen die meisten Mitpatienten am Anfang. Dieses ist zwar sehr schmerzhaft, gehört aber wohl schon zur persönlichen Krankheitsbewältigung dazu, denn oft passieren nach diesen Ereignissen die ersten Prozesse im Umdenken.

Es ist ganz natürlich, wenn alten Erinnerungen aus dem noch schwindelfreien Leben nachgehangen wird, der Patient in dieser und in späteren Zeiten teilweise in depressive Trauerzustände verfällt. Viele Betroffene werden durch den immer wieder unvorhersehbar auftretenden Schwindel sehr ängstlich, vorsichtig und beobachten sich selbst, da sie immer vor der eventuellen "Gefahr" eines neuen Schwindels gewarnt sein wollen.

Von der Umwelt wird dieses Verhalten oftmals als krankheitsfixiert gedeutet. Ich hingegen sehe es als eine ganz normale Reaktion der Urinstinkte; Gefahren zu entgehen, Gefahren abwehren. Schließlich weiß der Betroffene selber nie, wie es ihm in den nächsten Stunden oder Tagen ergehen wird. Er ist innerlich permanent auf neuen Schwindel gefasst. Erst später wird er lernen, sein Leben anders zu organisieren, sich anders zu orientieren.

Immer wieder wird auch der Begriff " psychosomatischer Schwindel" mit Menière in Verbindung gebracht. Allein die Angst vor einem neuen Schwindelgeschehen kann bei den Betroffenen schon wieder Schwindel auslösen. Dieser ist dann allerdings seelisch und nicht organisch bedingt. Normalerweise lässt sich ein rein psychischer Angstschwindel mit Hilfe eines Psychologen gut behandeln.

Menière-Betroffene hingegen erleiden immer wieder auch organisch bedingten Schwindel und sind somit immer wieder neu verunsichert.

In amerikanischer Literatur findet man die Bezeichnung " psychosomatischer Schwindel" in Bezug auf Menière so gut wie gar nicht. Auch in Deutschland gibt es immer mehr Mediziner, die diesen Aspekt nicht vom Menière trennen, sondern ihm dem Krankheitsbild als zugehörig beschreiben.

Menière ist keine psychosomatische Krankheit, auch wenn physischer und psychischer Stress die Krankheit negativ beeinflussen kann. Psychische Begleiterscheinungen wie oben genannt, teilweise auch Depressionen oder eine Persönlichkeitsänderung, treten oft erst in Folge dieser - auf den Betroffenen so schwerwiegenden und vernichtend wirkenden - Krankheit auf. Viele Gespräche mit Mitbetroffenen haben dieses bestätigt.

Wie reagiert die Umwelt, Freunde und Familie auf die Krankheit?

Da das komplexe Beschwerdebild auch heute noch den meisten Menschen unbekannt ist, trifft der Erkrankte leider immer wieder auf Unverständnis, gut gemeinte Ratschläge (welche aber anfangs kaum realisierbar sind), Vermeidungsverhalten oder sogar Ausgrenzung.

Bäume (Sichtweise während eines Anfalls)

Grundsätzlich haben es chronisch kranke oder chronisch Leidende in der heutigen Zeit, wo es auf Leistung, Mobilität, Erfolg, Jugendhaftigkeit, Schönheit und Anerkennung ankommt, immer schwerer mit ihren Beschwerden ernst genommen zu werden, und auf Rücksicht und Verständnis zu treffen.

Viele Krankheiten, die als sogenannte "Stresskrankheiten" gelten, wie u. a. ein Herzinfarkt, zu hoher Blutdruck und inzwischen immer öfter auch der Tinnitus, werden ansatzweise noch besser verstanden. Der Betroffene hat viel Stress gehabt, muss also folglich viel gearbeitet haben und war ehrgeizig.

Der Menière-Betroffene gleicht dagegen in seinen akuten Schwindelzuständen eher einem Volltrunkenen, wird belächelt oder mit abwertenden Blicken begutachtet. Hier empfiehlt es sich immer eine Art "1-Hilfe-Karte" bei sich zu tragen, welche den Passanten die aktuelle Lage schnell deutlich macht. (Anzufordern u. a. bei der Deutschen Tinnitus Liga in Wuppertal, http://www.tinnitus-liga.de/morbus.htm).

Die Familie wird meist - ebenso wie Freunde und Bekannte - in die Krankengeschichte involviert. Innerhalb von Familien herrscht vielerorts noch eine Rollenverteilung. Kann diese Rolle nicht mehr gewohnt ausgefüllt und ausgeführt werden, ist der ganze Familienalltag in seinem Kreislauf teilweise bis erheblich gestört. Je nachdem welche Rolle der Betroffene zuvor eingenommen hat. Es entstehen automatisch neue Probleme und Aufgaben, die es gilt zu organisieren, zu lösen und zu meistern.

Bei einigen klappt es zum Teil ganz gut, da es keine feste Rollenverteilung gibt. Bei anderen bringt diese Umstellung fast eine Art Zorn, Missmut und Unverständnis mit. Der Betroffene wird weiterhin wie zu seinen beschwerdefreien Zeiten gesehen und auch gefordert.

Viele merken zwar wie der Betroffene leidet und bieten die nötigen Hilfestellungen, betrachten dies aber eher als eine Art Pflichtaufgabe oder Arbeitsleistung. Diese Hilfen haben noch lange nichts mit der eigentlichen und vor allem eigenen Krankheitsbewältigung des Partners o. ä. zu tun, der sich die Angehörigen nicht verschließen sollten.

Oftmals zeigt es sich als sehr ratsam und sinnvoll, wenn der Betroffene - und zum Teil auch die Angehörigen - krankheitsbegleitend psychologische Betreuung suchen und annehmen.

Einige Links zum Thema Depression im Netz:

http://www.kompetenznetz-depression.de/ 

http://community.netdoktor.com/ccs/de/depression/index.jsp 

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